Einen Kompass an die Hand geben
Frühsommer in Berlins Mitte. Auf der Alten Jakobstraße nahe dem Spreekanal geht es gewohnt lebhaft zu. In der Mittagszeit strömen die Menschen nach draußen. Zwischen den vielen Neubauten erregt ein altes Werksgebäude Aufmerksamkeit. Hinter dem schmiedeeisernen Tor liegt ein großer Hof, und an dessen Ende befindet sich der Aufgang zu Civey. Geschäftsführerin Janina Mütze wartet bereits. Was mit einer Idee begann und zunächst in einem Workingspace, dann in einer kleinen Wohnung in Kreuzberg Fahrt aufnahm, treibt die Unternehmerin mit ihrem Team nun in der Alten Jakobstraße täglich weiter voran.
Janina Mütze stammt aus Hattersheim, einem Ort im Main-Taunus-Kreis bei Frankfurt. Sie studiert Volkswirtschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitet in dieser Zeit als Werkstudentin beim Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Nach ihrem Abschluss beginnt sie dort ein Volontariat und wird 2015 Referentin der Geschäftsführung. Die Annexion der Krim durch Russland liegt damals ein Jahr zurück und ist ein häufiges Gesprächsthema zwischen Janina Mütze und Gerrit Richter, den sie durch ihr Engagement in der hessischen Kommunalpolitik kennt. „Wir haben damals die zunehmende Demokratisierung des Internets erlebt“, sagt die Unternehmerin, „immer mehr Menschen haben ihre Meinung geteilt, kommentiert.“ Dennoch habe sie nicht den Eindruck gehabt, dass dadurch die Debattenkultur gestärkt werde: „Wir hatten das Gefühl, wer am lautesten schreit, der gewinnt den Diskurs.“
Doch wie könnte es gelingen, Meinungen zu quantifizieren und richtig einzuordnen? Diese Frage sei der Gründungsmoment von Civey gewesen, sagt Janina Mütze – „dass wir damit für den klassischen Markt von Meinungsforscher*innen eine Konkurrenz sind, haben wir erst später begriffen“.
Die 24-Jährige kündigt ihren Job und nimmt einen Privatkredit auf. Was folgt, ist ein Sprung ins kalte Wasser und Learning by Doing. „Ich wollte immer etwas machen, wo ich selbst gestalten und aktiv werden kann, aber ich hatte bis dahin nichts mit Unternehmertum und Selbstständigkeit zu tun.“ Verwandte und Freund*innen unterstützen das Gründerduo, engagieren sich finanziell. „Wir konnten uns damit Zeit kaufen, um einen Businessplan zu schreiben und bei der Investitionsbank Berlin einzureichen“, sagt Mütze. Dort ist man angetan von der innovativen Geschäftsidee und unterstützt Civey zwei Jahre lang mit dem Förderprogramm Pro FIT. „Es war genau das richtige Tempo. Bei Venture-Capital-Firmen anzuklopfen und Pitches zu fahren nach dem Motto ‚In fünf Jahren sind wir das erfolgreichste Unternehmen in diesem Segment weltweit‘ wäre nicht mein Stil gewesen.“ Sie habe stattdessen auf ihre Kontakte gesetzt, jede Möglichkeit zum Austausch mit ehemaligen Mitschüler*innen, Kommiliton*innen, Gründer*innen genutzt. „Vor zehn Jahren war die Start-up-Szene ein sehr offenes, hilfsbereites, durchlässiges Ökosystem. Das hat uns damals sehr geholfen.“
Das Unternehmen wächst, die spielerische Leichtigkeit des Anfangs weicht einer neuen Ernsthaftigkeit. Mütze und Richter sammeln Wagniskapital in zweistelliger Millionenhöhe ein. 2022 hat Civey mehr als 120 Mitarbeiter*innen. „Man wächst in die Rolle hinein“, kommentiert die Geschäftsführerin. Um weiterhin schnell zu wachsen, geben die Gründer die Mehrheit am Unternehmen ab. Im Januar 2024 der Paukenschlag: Civey leitet ein Schutzschirmverfahren ein. „Wir verzeichneten das umsatzstärkste Jahr unserer Geschichte, doch im Gesellschafterkreis gab es Streit um die Strategie“, sagt Janina Mütze. Das Unternehmen geht diesen Weg in Eigenverwaltung, er wird acht Monate dauern. Mitte 2024 kaufen die Gründer*innen ihr Unternehmen zurück und strukturieren um. „Wir haben den Venture-Capital-Track verlassen und handeln nun eher wie der erfolgreiche Mittelstand, das fühlt sich gut an. Wir können jetzt sehr viel nachhaltiger und unternehmerischer agieren“, sagt Mütze. „Ich bin stolz auf das, was uns während des Prozesses geglückt ist: die Kund*innen zu halten, die Mitarbeiter*innen zu halten, die Lieferant*innen zu halten.
Ihre größte Herausforderung heute sieht sie darin, innovativ zu bleiben und die Vorreiterrolle auszubauen. „Als wir an den Markt gegangen sind, wurde darüber diskutiert, ob man überhaupt online befragen darf. Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz hat sich die Branche inzwischen erneut transformiert.“ KI könne bei vielen Prozessschritten der Marktforschung unterstützen, „von der Formulierung der Umfragen bis hin zur effizienten Ausspielung an Panelist*innen“. Ein weiterer Einsatzbereich sei die Nutzung sogenannter synthetischer Teilnehmer*innen: „Häufig werden wir gefragt: Müssen wir in Zukunft überhaupt noch echte Personen befragen, oder kann die KI uns Aufschluss darüber geben, was die Menschen denken? Aktuell arbeiten wir ausschließlich mit echten Teilnehmer*innen, aber es ist ein spannendes Themenfeld, das wir mit unserer eigenen Forschung vorantreiben wollen.“ Zudem nutze Civey bereits KI-gestützte Modelle zur Auswertung offener Antworten.
In der öffentlichen Wahrnehmung ist Janina Mütze das Gesicht von Civey – mit hoher medialer Präsenz, unter anderem als Analystin für Politik- und Wahlumfragen bei Welt TV oder als Kolumnistin für das Handelsblatt. Aus dieser Sichtbarkeit ziehe sie Kraft, sagt die Unternehmerin. Sie nutze ihre Präsenz bewusst, um „komplexe Sachverhalte, wie die Stimmung im Land, einer breiten Zuschauer- oder Leserschaft zugänglich zu machen“. Sie betrachte Civey als „zwei große Geschenke“: Zum einen habe sie die Möglichkeit, gesellschaftliche und politische Entwicklungen für Bürger*innen greifbarer zu machen, zum anderen sei es der branchenübergreifende Blick auf die wirtschaftliche Situation des Landes, auf Chancen und Herausforderungen, den sie selbst erhalten dürfe.
Dass Civey mit seinem digitalen Ansatz bei dem ein oder anderen konventionell arbeitenden Meinungsforschungsinstitut auf Skepsis bis Ablehnung trifft, nimmt Janina Mütze inzwischen gelassener als noch vor ein paar Jahren. Civey ist aktives Mitglied in den Branchenverbänden, Mütze gelang es über die Jahre auch immer wieder, im persönlichen Gespräch Vorbehalte abzubauen. Dabei sehe sie die Rolle von Civey darin, „nicht nur Meinungsforschung zu betreiben, sondern Entscheidungsträger*innen einen Kompass an die Hand zu geben, in unsicheren Zeiten wie diesen“.
An dieser Stelle beginne die unmittelbare Verantwortung von Meinungsforschung, sagt die Geschäftsführerin. „Wir alle müssen darauf achten, auf diesem Kompasslevel zu bleiben und nicht in die Meinungsmache abzugleiten.“ Um dies bestmöglich zu verhindern, arbeitet Civey mit verschiedenen Medienhäusern zusammen. Zudem ist das Unternehmen für alle Parteien – mit Ausnahme der AfD – tätig. „Uns ist es wichtig, innerhalb des demokratischen Spektrums überparteilich zu arbeiten und nicht das Institut für nur ein bestimmtes Medium oder eine bestimmte Partei zu sein“, betont Mütze.
Die gute Nachricht im aktuellen politischen Kontext sei, so Mütze, „dass die meisten Menschen hierzulande immer noch glauben, dass Demokratie die beste Staatsform ist. Aber sie sind unzufrieden mit der Art des Wie und mit der Effektivität“. Das Vertrauen in politische Akteur*innen und Institutionen sei in den vergangenen Jahren stark gesunken, was sie als problematisch empfinde. „Ich glaube, was die Menschen jetzt sehen wollen, ist Handlungsfähigkeit. Es geht um ein Ziel, eine Vision für Deutschland, wie wir in fünf oder zehn Jahren als Land aussehen wollen.“ Sie wünsche sich für die nächsten Jahre mehr Ruhe und Vertrauen in die Demokratie, „auch wenn wir noch viele Umbrüche sehen werden. Viele Transformationen stehen erst ganz am Anfang. Ein weiteres Thema werden globale Migrationsströme sein, die aus dem Klimawandel resultieren. Irgendwie müssen wir es schaffen, dass sich die Menschen auf diesen Wandel einstellen, und wieder Vertrauen gewinnen.“ Vertrauen in die Demokratie
ZUR PERSON
JANINA MÜTZE ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von Civey, einer sehr erfolgreichen Plattform für digitale Meinungsforschung in Deutschland, die auf Echtzeitdaten und moderne Datenanalyse setzt. Nach dem VWL-Studium arbeitete sie zunächst in der politischen Kommunikation, bevor sie 2015 als 24-Jährige gemeinsam mit Gerrit Richter Civey gründete, um repräsentative Umfragen schneller und transparenter zu machen. Heute ist das Berliner Unternehmen Vorreiter für digital erhobene Meinungsdaten in Echtzeit. Mütze wurde mehrfach als „Top-Unternehmerin unter 30“ ausgezeichnet. Sie ist Kolumnistin, Beiratsmitglied der Berliner Sparkasse und an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Janina Mütze engagiert sich für Diversität und Gründungsthemen. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin
Text: Anke Bracht
Fotos: © Maria Sturm
Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN 01/25 veröffentlicht.