UNTERNEHMERIN

Endlich aufwachen, bitte!

Das Thema Frauengesundheit nimmt hierzulande Fahrt auf – in der Forschung und Lehre wie in der medialen Wahrnehmung. Und immer stärker zeigt sich: Hier schlummert enormes wirtschaftliches Potenzial.

Frauen sind anders als Manner, die Unterschiede zeigen sich in jeder Zelle. Das fuhrt zu verschiedenen Bedürfnissen in der gesundheitlichen Versorgung – insbesondere bei Therapien im Krankheitsfall. So bekannt diese Tatsache seit Langem unter Mediziner*innen und Pharmakolog*innen ist, so ausgiebig wurde sie bislang ignoriert, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Ausgerechnet eine Zahl mit zwölf Nullen ist es, die der Diskussion um geschlechter- und gendergerechte Gesundheitsversorgung einen kräftigen Schub verpasst und sie in die mediale Wahrnehmung katapultiert hat: Investitionen zur Beseitigung der Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung von Frauen konnten bis 2040 das weltweite Wirtschaftswachstum um jährlich eine Billion US-Dollar steigern und die Krankheitszeit von Frauen um zwei Drittel reduzieren, was der Schaffung von 137 Millionen neuen Vollzeitarbeitsplatzen entspricht. Zu diesem Ergebnis kommt der Report „Closing the Woman’s Health Gap“ des McKinsey Health Institute aus dem Jahr 2024.

Anruf bei Professorin Petra Thürmann. Die promovierte Medizinerin engagiert sich als Vizepräsidentin für Forschung an der Universität Witten/Herdecke und lehrt dort Klinische Pharmakologie. Ein wichtiger Hebel, um beim Thema Frauengesundheit voranzukommen, sei die Beseitigung des Gender Data Gap, sagt Petra Thürmann. Sie muss es wissen, denn sie hat etliche Studien mit Frauen begleitet oder durchgeführt. „Dass Frauen bei Studien unterrepräsentiert sind, hat vor allem zwei Grunde: Nach dem Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren sind Pharmaunternehmen für mögliche Rechtsfolgen sensibilisiert.“ So werden Frauen im gebärfähigen Alter meist nur zugelassen, wenn sie keinen Uterus mehr haben. Zudem, auch das wisse sie aus eigener Erfahrung, wurden per se weniger jüngere Frauen an pharmakologischen Studien teilnehmen wollen, weil es für viele mit der Kinderbetreuung nicht gut in Einklang zu bringen sei: Wenn die Frauen ihre Kinder mitbringen und vor Ort in Obhut geben, ist das für den Auftraggeber der Studie aufwendiger und teurer. Um – zumindest mittelfristig – eine repräsentative Präsenz von Frauen zu gewährleisten, engagiert sich nun auch der Bund: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstutzt seit 2025 gezielt Start-ups und Forschungsprojekte, die Gender Data Gaps in klinischen Studien schließen. Insgesamt 43 Projekte erhalten eine Forderung von rund 5,7 Millionen Euro zur systematischen Erfassung geschlechtsspezifischer Unterschiede in Diagnostik und Therapie.

Den zweiten Hebel zu gendergerechter Gesundheit sieht die Professorin in der erweiterten Definition des Begriffs Frauengesundheit. „Dieser wird immer noch zu sehr allein mit den Reproduktionsorganen in Verbindung gebracht. Dabei geht es genauso um Erkrankungen, von denen Frauen und Manner gleichermaßen betroffen sein können, wie Adipositas und Bluthochdruck.“ Aus diesem Grund verwende sie lieber den Ausdruck geschlechtssensible Medizin. „Oftmals haben Frauen nach Einnahme derselben Medikamentendosis viel höhere Blutspiegel als Manner und reagieren dann auch viel starker. Trotzdem taucht dieser Hinweis in den Beipackzetteln nicht auf.“ Dass Arzt*innen ihre Patientinnen richtig einstellen, sei der Erfahrung geschuldet, sagt Petra Thürmann, denn auch die betreffenden Informationsmaterialien der Pharmahersteller für Arzt*innen seien sehr vage formuliert. Dazu komme der psychologische Aspekt bei der Beziehung zwischen Arzt*in und Patientin: „Frauen werden nachweislich als wehleidiger eingestuft, oft werden Beschwerden nicht ernst genommen. Frauen kommen später ins Krankenhaus, werden medikamentös schlechter versorgt“, sagt Petra Thürmann.

Was also tun? Noch mehr aufklaren, sagt die Pharmakologin. Und da tut sich was: Fortbildungsmaßnahmen für Arzt*innen und Apotheker*innen, Fachpublikationen, Nachwuchsarbeit mit Studierenden – zum Beispiel im Netzwerk Geschlechtersensible Medizin NRW. Von der Medizinischen Fakultät der Universität Bielefeld 2022 initiiert, besteht der Zusammenschluss aus acht medizinischen Fakultäten in Nordrhein-Westfalen, die in Lehre und Forschung kooperieren. Sie erarbeiten Strategien, um die Berücksichtigung von Genderaspekten in den Studienordnungen der Fakultäten und in der humanmedizinischen Forschung zu verankern. Wie die Universität Witten/Herdecke zählt auch die Universität Duisburg-Essen zu den Mitgliedern, vertreten durch Prof. Dr. Anke Hinney. Die promovierte Biologin ist Leiterin der Sektion für Molekulargenetik Psychischer Störungen an der LVR-Universitätsklinik Essen und widmet ihre Arbeit den molekulargenetischen Mechanismen zur Gewichtsregulierung. Im Jahr 2020 etablierte sie das Wahlfach Gendermedizin an ihrer Hochschule und ist heute als geschäftsführende Direktorin der Medizinischen Fakultät tätig.

„Dass bei Frauen andere Symptome auf einen drohenden Herzinfarkt hinweisen, ist zum Glück endlich bekannt. Aber was ist mit Anorexia nervosa oder Depression? Magersucht bei Jungen wird oft nicht als solche erkannt, denn die Erkrankung gilt als typisch weiblich: Neun von zehn Patient*innen sind Frauen.“ Nächstes Beispiel, die Depression. Auch sie äußere sich sehr unterschiedlich bei den Geschlechtern. „Während Frauen sich eher zurückziehen, können Männer mit Aggression reagieren. Auch die Suizidrate in diesem Zusammenhang liegt bei Männern höher.“ Wie Petra Thürmann möchte auch Anke Hinney den Blick öffnen für eine Verbreitung der genderspezifischen Betrachtung von Krankheitsbildern und deren Therapieformen: „Auch in der Onkologie sollte geschlechtsgetrennt betrachtet und behandelt werden.“ Ein Paper dazu sei gerade in Arbeit, 2026 soll es in Fachkreisen veröffentlicht werden. Wie groß der durch den Gender Health Gap verursachte finanzielle Schaden für die Volkswirtschaft Deutschland ausfällt, sei schwer zu greifen, valide Zahlen gebe es nicht, sagt Anke Hinney. Schätzungen dagegen schon, Beispiel Migräne: Der McKinsey-Bericht beziffert den globalen wirtschaftlichen Schaden durch Ausfälle bei Migräne auf 77 Milliarden Euro pro Jahr. Bei einem Anteil von 3,03 Prozent an der kaufkraftbereinigten Weltwirtschaftsleistung wären das hierzulande rund 2,33 Milliarden Euro.

Dass in den letzten Jahren immer mehr Unternehmen die Chance ergriffen haben, mit ihren Geschäftsideen zu mehr Gendergerechtigkeit in der gesundheitlichen Versorgung beizutragen, lässt darauf hoffen, dass der nötige Wandel schon längst begonnen hat. Die deutsche Start-up-Szene zeigt mit Unternehmen wie Climedo Health oder Vivatura, wie innovative Ideen den Markt für gendergerechte Gesundheit bereichern. So entwickelt das Münchner Start-up Climedo Health digitale Tools für klinische Studien und Patientenerhebungen. Der Fokus liegt dabei auf der Verbesserung von Studiendesigns, um Frauen stärker in Forschungsprozesse einzubeziehen und geschlechtsspezifische Gesundheitsdaten systematisch zu erfassen.

Vivatura mit Sitz in Bielefeld und Berlin hat sich auf die Herstellung von Selbsttests für verschiedene Krankheitsbilder spezialisiert, von Allergien über HIV bis Longevity. „Geschlechtergerechtigkeit in der Gesundheit ist für mich kein Trend, sondern eine Revolution, die überfällig ist“, sagt Gründerin Anke-Kristina Foth. Mit ihren Testkits wolle sie das Muster des „typischen Pharmastudienteilnehmers, männlich, europäische Wurzeln, 1,75 cm“ auf brechen: „Wir entwickeln medizinisch validierte Labortests für zu Hause, die europaweit als Medizinprodukt zugelassen sind“, sagt die langjährige Marken- und Kommunikationsstrategin. „Dies geschieht in Zusammenarbeit mit deutschen Laboren, die nach den Richtlinien der Bundesärztekammer arbeiten.“ Die Analysen orientieren sich nicht nur an geschlechtsspezifischen Referenzwerten, sondern auch an deren individuellen und altersspezifischen Optimalwerten – studienbasiert. Die Labortests für den Heimgebrauch sollen Muster erkennen, Ursachen verständlich machen und bei Bedarf ein frühes Gegensteuern ermöglichen. Besonders motivierend sei für Anke-Kristina Foth, „dass wir nicht nur Einzelschicksale erreichen, sondern das ganze System bewegen und dabei einen Beitrag zu einer gesünderen Gesellschaft leisten.“ Petra Thürmann und Anke Hinney würden diesen Satz unterschreiben.

Fotos © Helios Universitätsklinikum Wuppertal_Michael Mutzberg / Marilyn Karwatzki_Dekanat Medizin Universität Duisburg-Essen / Patricyia Lukas

Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN 02/25 veröffentlicht.