UNTERNEHMERIN

Gemeinsam für ein besseres Morgen

Unternehmertum braucht staatliche Ermöglichung durch gute politische Leitplanken, sagt die neue Bundestagspräsidentin JULIA KLÖCKNER. Wir sprachen mit ihr über den Wertekanon einer Gesellschaft, in der Selbstverantwortung eine immer größere Rolle spielt.

Frau Bundestagspräsidentin, die Demokratie steht weltweit unter Druck – durch geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und das Erstarken populistischer Bewegungen. Welche Rolle sollten Unternehmen in Deutschland einnehmen, um demokratische Werte zu stärken, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und Vertrauen in demokratische Institutionen zu festigen?  

Wir haben in der vergangenen Legislaturperiode gesehen, dass eine Wirtschaftskrise sich schnell zu einer Vertrauenskrise in politisches Handeln auswachsen kann. Denn natürlich macht es etwas mit den Menschen, wenn sie zum Beispiel um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen oder nicht sicher sind, wie es mit ihnen und ihrer Familie weitergeht. Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist eben alles nichts. Die wirtschaftliche Lage, Unternehmerinnen und Unternehmer, die anpacken, spielen eine zentrale Rolle für die Festigkeit unseres Systems. Sie schaffen Arbeitsplätze, fördern Innovationen und übernehmen Verantwortung für Gesellschaft – weit über den eigenen Betrieb hinaus. Einen guten Arbeitsplatz zu haben, dort beruflich und persönlich wachsen zu können, das ist der Antrieb für Millionen von Menschen. Eine starke Wirtschaft ist Voraussetzung für einen Staat, der investiert und sozial unterstützt – das schafft Vertrauen. Dabei ist klar: Unternehmertum braucht staatliche Ermöglichung durch gute politische Leitplanken. Dass die neue Regierung hier einen Schwerpunkt setzt, begrüße ich sehr. 

Gerade in Zeiten multipler Krisen zeigt sich, dass diverse Teams resilienter und innovativer sind. Dennoch ist der Anteil von Frauen in wirtschaftlichen Schlüsselpositionen, insbesondere in der Industrie, in MINT-Berufen und in strategischen Entscheidungsprozessen, weiterhin gering. Warum gelingt es Deutschland trotz seines demokratischen Selbstverständnisses noch nicht, Parität auf allen Ebenen durchzusetzen? Und was muss sich ändern, damit Frauen nicht nur an demokratischen Prozessen teilnehmen, sondern diese auch aktiv auf allen Ebenen mitgestalten? 

Gleichberechtigung ist kein „nice-to-have“, sondern eine Notwendigkeit, wenn über 50 Prozent der Bevölkerung Frauen sind. Das Thema der Repräsentanz von Frauen treibt mich um. Ich habe den Eindruck, wir machen hier teilweise Rückschritte. Im Bundestag zum Beispiel sind aktuell weniger als ein Drittel der Abgeordneten Frauen. Das ist kein gutes Signal, es fehlt dann ein Teil der Perspektive, und es fehlen Vorbilder. Wir müssen uns daher mit dem Warum auseinandersetzen, also damit, was Frauen abhält, in verantwortliche Positionen zu kommen oder sich dafür zu bewerben – nicht nur in der Politik. Es geht etwa um Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Terminierung von Sitzungen oder die Möglichkeit, auch digital an Gesprächen oder Gremien teilzunehmen. Dafür die Rahmenbedingungen immer weiter zu verbessern ist Daueraufgabe. 

Als erfahrene Politikerin haben Sie auf verschiedenen Positionen Station gemacht und unter anderem als Abgeordnete, Ministerin oder Parteivorsitzende unser Land in verschiedensten Kontexten beobachten können. Gibt es eine Erfahrung in Ihrer Amtszeit, die Sie besonders geprägt und Ihren Blick auf Demokratie und Wirtschaft verändert hat? 

Die Temperatur einer Gesellschaft misst man am besten auf dem Marktplatz, also im persönlichen Gespräch. In allen Funktionen, die Sie genannt haben, treffen Sie Entscheidungen, machen interessante Erfahrungen und gestalten. Es ist dabei nur wichtig, sich gewahr zu sein, in welchem Auftrag und für wen Sie das machen: für die Bürgerinnen und Bürger. Ohne diesen Rückbezug kann gute Politik nicht gelingen. Diese Gespräche, das Zuhören war und ist für mich als Politikerin prägend. Und natürlich bekommt man hier mit, wie entscheidend die wirtschaftliche Situation für die grundsätzliche Stimmungslage im Land ist. 

In Krisenzeiten neigen Gesellschaften dazu, sich wirtschaftlich und politisch nach innen zu orientieren. Wie können wir verhindern, dass wirtschaftliche Abschottungstendenzen oder populistische Narrative die deutsche und europäische Wirtschaft und damit auch die Demokratie schwächen? 

Die Diskussionen und Aktivitäten rund um Zölle und Handelshemmnisse, wie wir sie derzeit vermehrt erleben, kennen am Ende nur Verlierer. In Deutschland und der EU sollten wir daher an der grundsätzlichen Überzeugung festhalten, dass es offene Märkte und freier Welthandel sind, die für Wohlstand und Wachstum sorgen. Und gerade im Verbund der EU können wir als drittgrößte Volkswirtschaft selbstbewusst auftreten. Das bedeutet auch, fertige Freihandelsabkommen endgültig abzuschließen und neue anzustreben. Gerade den demokratischen Staaten muss klar sein, dass andere bereitstehen, wenn wir das nicht aktiv vorantreiben. 

Die digitale Transformation und der Einsatz künstlicher Intelligenz verändern unsere Wirtschaft grundlegend. Wie stellen wir sicher, dass technologische Innovation nicht nur Effizienz und Wachstum bringen, sondern auch mit unseren demokratischen Werten vereinbar bleiben? 

Wir neigen oft dazu, technische Entwicklungen in der kurzfristigen Analyse zu überschätzen und in der langfristigen Entwicklung zu unterschätzen. Deshalb plädiere ich dafür, mit einer gewissen Gelassenheit und Augenmaß statt sofortiger Überregulierung an die Sache heranzugehen und immer dann nachzusteuern, wenn es notwendig ist. Interessant ist doch, dass viele Menschen bei Umfragen grundsätzliche Skepsis äußern, wenn sie zu künstlicher Intelligenz befragt werden, sie in ihrem Alltag aber an vielen Stellen unbewusst ganz selbstverständlich nutzen. Ich denke zum Beispiel an Navigationsgeräte oder intelligente Spamfilter in unseren E-Mail-Programmen. Die Chancen von KI in zahlreichen Bereichen unseres Lebens und Wirtschaftens sind enorm. Hier offen zu sein bedeutet nicht, Risiken und Bedenken beiseitezuschieben. Sogenannte Deepfakes etwa – also KI-Technologien, die eingesetzt werden, um Desinformation zu verbreiten – sind natürlich eine Gefahr für unsere Demokratie. Hier müssen wir achtsam sein und sehr entschlossen dagegen vorgehen. Für noch riskanter halte ich es aber, bei KI den Anschluss zu verpassen und Entwicklungen zu verschlafen. Das darf uns nicht passieren, das schadet der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. 

In Ihrer Antrittsrede bei der konstituierenden Sitzung des 21. Bundestags betonten Sie, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern jeden Tag verteidigt werden muss. Was motiviert Sie persönlich, sich weiterhin mit so viel Nachdruck für den Erhalt demokratischer Werte einzusetzen? 

Die Freiheiten und Rechte, die unsere freiheitlich demokratische Grundordnung garantiert und damit unsere Art des Zusammenlebens ermöglicht, gibt es an ganz vielen Orten der Welt nicht. Die aktuelle geopolitische Lage und der Blick in die Zeitung machen uns das täglich deutlich. Aber Demokratie passiert nicht einfach, sie ist kein gegebener Zustand, sondern muss immer wieder erarbeitet werden. Eine bessere Motivation gibt es kaum. Die Mühen, die das mit sich bringt, sind es allemal wert: Über 70 Prozent der Weltbevölkerung leben in Staaten mit autokratischen oder teilautokratischen Staatsformen. Die Art zu leben ist dort eine andere. 

Viele Unternehmerinnen im VdU engagieren sich bereits aktiv für gesellschaftlichen Zusammenhalt – sei es durch nachhaltige Unternehmensmodelle, soziale Verantwortung oder den Einsatz für Diversität. Welche Impulse möchten Sie Unternehmerinnen mitgeben, um ihren Einfluss als wirtschaftliche und gesellschaftliche Akteurinnen noch stärker zu nutzen? 

Ich möchte Mut machen. Es ist wichtig, dass sich Unternehmerinnen mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen auch in politische und gesellschaftliche Debatten einbringen. Ihre Stimmen werden dort gehört werden – sei es über die Medien, Veranstaltungen, Netzwerke oder die digitale Theke. Sie schaffen dabei nicht nur neue Möglichkeiten für sich selbst, sondern dienen auch als Vorbild für andere Frauen.  

 

ZUR PERSON 

Julia Klöckner ist 1972 in Bad Kreuznach geboren und im elterlichen Weingut in Guldental aufgewachsen. An der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studierte sie Theologie, Politikwissenschaft und Pädagogik mit Doppelabschluss M.A. und Staatsexamen. Nach einem journalistischen Volontariat arbeitete sie unter anderem beim SWR-Fernsehen und als Chefredakteurin eines Magazins. Mit der erstmaligen Wahl in den Bundestag erfolgte 2002 der Wechsel in die Berufspolitik. Später wurde Klöckner Parlamentarische Staatssekretärin, Vorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz und der Landtagsfraktion in Mainz sowie Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. In der vergangenen Legislaturperiode war sie wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seit März 2025 ist Julia Klöckner Bundestagspräsidentin. 
 

© Tobias Koch; Deutscher Bundestag / Thomas Imo / photothek 

INTERVIEW: Kamala Jakubeit Oliveira 
 

Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN 01/25 veröffentlicht.