UNTERNEHMERIN

Gesundheit ist kein Luxus

Personalisierte Krebstherapien aus Brandenburg: Die Wissenschaftlerin GHAZALEH MADANI arbeitet an innovativen Lösungen für bessere Heilungschancen. Denn Gesundheit darf kein Luxusgut sein.

Text NISHA MERIT VON CARNAP Fotos PAULA WINKLER

Die Krebsmedizin soll schneller, präziser und für alle zuganglich werden – daran arbeitet die Gründerin Ghazaleh Madani mit ihrem Start-up CanChip. Die Motivation, dieses Ziel zu erreichen, findet sie aber nicht im Labor, sondern in der eigenen Familie. „Ich habe zwei meiner Onkel an Krebs verloren, und meine Mama hat zwei Jahre lang richtig stark gekämpft“, erzählt sie. „Sie ist jetzt wieder gesund, aber gerade diese Angst und das Leid haben in mir den Wunsch geweckt, einen besseren Weg zu finden, Krebs zu behandeln.“ Der Gedanke, dass jede Patientin und jeder Patient sicher sein sollte, die bestmögliche Therapie zu bekommen, begleitet sie schon lange.

Als Madani 2020, mitten in der Pandemie, für ihren Master nach Deutschland kommt, nehmen ihre Ideen langsam Form an. Online trifft sie ihren späteren Mitgründer Dr. Omid Nejati, der selbst seit Jahren in der Krebsforschung aktiv ist. „Wir hatten viele Ideen, wie jedes Start-up, glaube ich. Aber dann haben wir uns auf das fokussiert, was wir richtig gut können.“ 2023 beendet sie ihren Master, entwickelt ein Geschäftsmodell und spricht mit Investor*innen – mit dem Ziel, Therapien schneller, günstiger und ethischer zu machen und die Angst vor Krebs zu reduzieren.

Die Frage nach der grundsätzlichen Schwierigkeit bei der Krebsbehandlung beantwortet Madani mit Nachdruck: „Ich sage immer, obwohl es so viele Krebsarten gibt, wenn es früh erkannt wird, ist alles heilbar. Immer.“ Die Angst, die viele Patient*innen begleitet, komme oft von Chemotherapie, Nebenwirkungen, Haarverlust – aber auch von der Langsamkeit und Unsicherheit des Systems. Ein zentraler Grund dafür liegt für sie in der jahrzehntelangen Abhängigkeit von Tierversuchen: „Am Ende sehen wir, dass es an Tieren zwar funktioniert, aber nicht am Menschen. Das bedeutet: Jahrelange Forschung und so viel Geld sind weg, ohne Ergebnis.“

Mit CanChip will sie genau da ansetzen. Ihre Technologie baut auf sogenannten 3D-Tumor-on-Chip-Modellen auf biologischen Plattformen, in die echte Tumorzellen samt Mikroumgebung eingesetzt werden. „Es bildet sich eine 3D-Mikroumgebung wie im menschlichen Körper, und dann kann getestet werden, welche Medikamente für diese Art von Krebs am besten funktionieren und welche Nebenwirkung es gibt.“ Dieses Vorgehen erlaubt es, individuelle Therapien zu entwickeln, bevor Patient*innen überhaupt Medikamente einnehmen müssen. Für Madani liegt darin ein entscheidender Durchbruch: „Bevor man diese Medikamente bekommt, kann man testen, wie sie wirken.“

Darüber hinaus arbeitet CanChip mit Biotech- und Pharmaunternehmen zusammen, die verstehen wollen, warum ein Medikament in Tierversuchen funktioniert und später beim Menschen scheitert. „Wir reduzieren die Zahl der Tierversuche“, sagt Madani. Jedes Organ benötigt ein eigenes Chip-Design, und CanChip übernimmt als Dienstleister die kompletten Testprozesse. Madanis Ziel ist die Integration in Kliniken: Von der Tumorprobe bis zum Ergebnis dauert es lediglich zwei bis drei Wochen – dann folgt eine Therapie, die nachweislich wirkt.

Dass personalisierte Medizin als teuer und schwer zuganglich gilt, lasst sie nicht gelten. „Für mich ist wichtig, dass personalisierte Medizin kein Luxus ist. Jede und jeder muss Zugang haben.“ Die Losung sieht sie in der Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Krankenkassen. Wenn personalisierte Medizin verhindere, dass Patient*innen mehrfach operiert, lange stationär betreut oder erneut behandelt werden müssen, dann reduziere sie in Wahrheit Kosten. „Gesundheit ist für alle“, sagt sie klar.

Doch die Rolle der Gründerin bringt Madani weit über das Labor hinaus. Sie jongliert Forschung, Technologie, Unternehmensaufbau und Management gleichzeitig. „Es gibt sehr schwierige Momente, in denen ich mich frage: Schaffe ich das noch? Aber es macht mir auch viel Spas“, erzählt sie. Die Vorstellung, dass ihre Arbeit eines Tages echten Patient*innen hilft, gibt ihr Kraft. Und trotz eines kleinen Teams und hoher Belastung zieht sie ein klares Fazit: „Schwierig, aber ich wurde es alles noch mal machen.“ Im Science Park in Potsdam reflektiert sie das enorme Potenzial, das in ihrer Arbeit liegt: „Wir müssen lernen, dass durch Isolation gar nichts gewonnen wird. Wir brauchen Community, Netzwerke, Unterstützung. Wir können voneinander lernen, ob in der Nachbarschaft oder aus der Entfernung.”

Diese Haltung wurzelt auch in ihrer Herkunft. „Ich komme aus dem Iran. Ein tolles Land, aber mit einer schwierigen politischen Situation. Therapien sind manchmal so teuer, aber Geld darf kein Hinderungsgrund sein.“ Die Vision ihres Unternehmens ist eng mit ihrer persönlichen Philosophie verbunden: Gesundheit als Menschenrecht, nicht als Privileg. „Wenn ich einer Person helfen kann, dass sie weniger leidet, habe ich meine Mission erfüllt.“

Doch auf dem Weg dorthin begegnet Madani in Deutschland überraschend viel Widerstand – besonders bei Kooperationen mit Kliniken. Die bürokratischen Hürden seien enorm, aber vor allem die Mentalität sei hemmend: „Manche Krankenhäuser denken: Ich lasse es andere Lander ausprobieren, und wenn es funktioniert, hole ich es mir.“ Während Partner aus Rumänien oder Schweden Proben sofort kostenlos verschicken, müsse sie in Deutschland vier bis sechs Wochen auf Vertrage warten. „Es ist nicht der Ressourcenmangel, es ist die Mentalität.“ Trotzdem bleibt sie überzeugt, dass Fortschritt nur über Zusammenarbeit möglich ist. „Manche denken, das sei Konkurrenz. Ist es nicht. Es ist ein Puzzle.“ Nur wenn viele Akteur*innen ihren Teil beitragen, könne Krebsbehandlung wirklich effizienter werden.

Diese Zusammenarbeit betrifft auch die Start-up-Szene selbst – und insbesondere die Chancen von Gründerinnen. Madani spricht offen darüber: „Es gibt wenig Chancen für Frauen. Zwei Prozent Venturecapital gehen an frauenbasierte Unternehmen.“ Zu viele Ideen gingen verloren, weil man nicht bereit sei, in Frauen zu investieren. „Ich habe in diesen zwei Jahren wenig positive Entwicklung gesehen, aber es wird mehr darüber gesprochen. Ich hoffe, es kommen auch mehr Geld und Unterstützung.“ Trotz der Belastung versucht Madani, sich kleine Inseln der Erholung zu schaffen. „Ich mache zwei Tage die Woche Sport, gehe spazieren, liebe es, guten Kaffee zu trinken.“ Große Urlaube seien kaum möglich, aber es gehe darum, die mentale Gesundheit zu schützen, auch wenn es kleine Schritte sind. Am Ende bleibt der Eindruck einer Gründerin, die nicht nur eine Technologie entwickelt, sondern eine Haltung verkörpert: Mut, Beharrlichkeit und die Überzeugung, dass medizinische Innovation allen zugutekommen muss. Oder wie sie es selbst formuliert: „Gesundheit ist kein Luxus. Jeder verdient sie.“

GHAZALEH MADANI ist Molekularbiologin mit wissenschaftlicher Expertise in Biotechnologie und Zellbiologie sowie Gründerin des Biotech-Start-ups CanChip. Nach ihrem Studium im Iran setzte sie ihre akademische Laufbahn in Deutschland fort und entwickelte dabei den interdisziplinären Ansatz, der ihre heutige Arbeit prägt. Mit ihrem Laborstandort im Potsdam Science Park bringt sie ihr Fachwissen aus Studium und Forschung in die Entwicklung innovativer mikrochipbasierter Modelle ein. Ihre Arbeit verbindet wissenschaftliche Tiefe mit einem klaren unternehmerischen Fokus – und steht exemplarisch für die neue Generation translationaler Biotechnologie.

Fotos © Paula Winkler

Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN 02/25 veröffentlicht.