UNTERNEHMERIN

Medizin trifft Unternehmergeist

Wer heute krank ist, begegnet häufig einem System, das mehr verwaltet als heilt. Doch während Politik und Verbände noch über Digitalisierungsstrategien diskutieren, handeln viele Ärztinnen – und gründen einfach selbst.

Text SEBASTIAN HOLDER

Ende 2019, kurz vor Beginn der Pandemie, erhalt Hautärztin Dr. Alice Martin per WhatsApp ein Foto der Hautveränderung einer Bekannten: „Kannst du mal draufschauen?“ Solche Nachrichten bekommt sie regelmäßig. Und irgendwann stellt sie sich die Frage: Warum eigentlich nur Bekannte? Warum nicht für alle, die keinen Termin bekommen? 

Zusammen mit ihren Kolleginnen entwickelt sie Dermanostic – eine App, über die Patient*innen Fotos ihrer Hautprobleme hochladen und zusätzlich einen kurzen Fragebogen ausfüllen. Innerhalb weniger Stunden bekommen sie eine ärztliche Diagnose und ein Rezept. Das Prinzip: dermatologische Expertise mit einem Klick. „Ich wollte nicht langer zuschauen, wie Menschen wochenlang auf Termine warten, obwohl viele Hautprobleme digital diagnostiziert werden können“, sagt Martin. Für die Patient*innen ist das eine große Erleichterung. Lange Wartezeiten, die vor allem bei Hautarzt*innen üblich sind, fallen weg. Und die Genauigkeit der Diagnose hat sich nicht verändert. Das innovative Konzept kommt an: 2024 erhalt Dermanostic den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „Aufsteiger“. 

Heute arbeitet bei Dermanostic ein mehr als 40-kopfiges Team, darunter neun Arzt*innen, die meisten remote. Über 400 000 Behandlungen haben sie bisher durchgeführt, an Spitzentagen sind es bis zu 500. Für die Behandlung per App entstehen Kosten ab 28 Euro, einige gesetzliche Krankenkassen übernehmen bereits die Kosten. Was als pragmatische Idee begann, wurde durch die Pandemie zum Symbol für das, was möglich ist, wenn Arztinnen das System von innen heraus neu denken. 

Während Dermanostic Patient*innen den direkten Weg zur hautärztlichen Praxis ermöglicht, arbeitet Dr. Nora Sommer daran, das Rückgrat der klinischen Diagnostik zu stabilisieren: die Radiologie. Sommer, Radiologin und Dozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, beobachtete über Jahre, wie Kliniken an der Überlastung ihrer Facharzt*innen scheitern – und am Fachkräftemangel. „Radiologie ist ein Nadelöhr“, sagt sie. „Ohne Befund gibt es keine Therapie. Aber in vielen Kliniken fehlt das Personal.“

Im August 2022 gründete sie gemeinsam mit zwei Partnern Raya Diagnostics, ein Unternehmen, das radiologische Befunde remote anbietet – und weit darüber hinausgeht. Raya ist nicht nur Dienstleister, sondern auch Technologieanbieter: Die Firma stellt Kliniken die Plattform bereit, über die sie Daten austauschen, sich vernetzen und gemeinsam Diagnosen erstellen können. „Ich habe immer das Potenzial der radiologischen Telediagnostik gesehen“, sagt Sommer.  Es geht nicht nur um Befunde aus der Ferne, sondern um die Infrastruktur. Man vernetzt verschiedene Abteilungen miteinander – so lassen sich Ressourcen effizienter nutzen.“ 

70 Kliniken in Deutschland und Osterreich nutzen Raya inzwischen. Der Umsatz hat sich bislang jedes Jahr verdoppelt. 30 angestellte Arzt*innen erstellen rund 130 000 Diagnosen jährlich – von zu Hause aus. „Wir haben die Teleradiologie nicht neu erfunden “, sagt Sommer, „aber die Art und Weise, wie man sie betreibt, haben wir schon maßgebend verändert.“ Die Vorteile sind offensichtlich: Arzt*innen können flexibel arbeiten, Kliniken sparen Kosten, und Patient*innen bekommen schneller ihre Ergebnisse. Besonders bemerkenswert: Raya beschäftigt viele Arzt*innen in Teilzeit – auch Alleinerziehende, die durch die Remote-Struktur leichter in den Beruf zurückkehren können. 

So unterschiedlich ihre Disziplinen, so ähnlich sind die Hindernisse, auf die beide Gründerinnen stoßen. Die Digitalisierung der Medizin ist in Deutschland ein zähes Unterfangen. Das fangt bei der Internetverbindung an: „In Deutschland gibt es immer noch Kliniken, die nicht über ausreichende Bandbreite verfügen“, sagt Sommer. „Es wird endlich Zeit, dass dieser Missstand behoben wird.“ Hinzu kommen rechtliche Grauzonen, überbordende Bürokratie und unklare Zuständigkeiten. Bis 2019 war es Arzt*innen gar nicht erlaubt, digitale Erstbehandlungen anzubieten. Heute gibt es mit der Digitalen Gesundheitsanwendung zwar einen Rechtsrahmen – doch die Zulassungsverfahren dauern Monate, oft Jahre. 

Und während in anderen Branchen Start-ups als Innovationstreiber gelten, wird Arzt*innen mit unternehmerischen Ambitionen hierzulande mit Skepsis begegnet. „Man wird schnell gefragt, ob man überhaupt noch Ärztin ist oder schon Unternehmerin“, sagt Martin. „Aber beides schließt sich nicht aus. Im Gegenteil – die Medizin braucht mehr Unternehmergeist.“ 

Medizin in Deutschland ist ein Paradoxon: Sie gehört zu den am besten ausgebildeten der Welt – und zugleich zu den langsamsten, wenn es darum geht, sich selbst zu modernisieren. Das deutsche Gesundheitssystem leidet nicht an einem Mangel an Kompetenz, sondern an Struktur. Die Zahl der Arzt*innen ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, doch sie verteilt sich ungleich: zu viele in den Städten, zu wenige auf dem Land. Zudem blockieren komplizierte Abrechnungsregeln, föderale Zuständigkeiten und veraltete IT-Strukturen fast jede Innovation. Radiologische Aufnahmen werden in manchen Häusern noch immer per Fax übertragen, wahrend gleichzeitig Milliarden in Digitalisierungsprogramme fliesen. Laut einer EY-Studie stieg das Investitionsvolumen in Healthtech-Start-ups 2024 um 17 Prozent – ein deutliches Zeichen, dass privates Kapital längst dort investiert, wo der Staat nicht vorankommt. 

Martin und Sommer zeigen, dass Veränderung von innen möglich ist. Sie sind Teil einer Generation von Arztinnen, die nicht mehr auf politische Reformen warten, sondern eigene Systeme schaffen – kleiner, agiler, effektiver. Beide mussten lernen, dass eine App oder Plattform allein nicht reicht. Es braucht Geschäftsmodelle, Investoren, Vertrage, Prozesse. Sommer fand in Christoph Commes (Betriebswirt) und Tobias Hofler (Technologie) die Partner, die sie brauchte. Die ersten Investoren kamen aus privaten Kreisen – Family Offices, die an das Konzept glaubten. Martin setzte auf ein interdisziplinares Team aus Arztinnen, Marketingexpertinnen und Softwareentwicklern. Das unternehmerische Denken, sagen beide, sei kein Gegensatz zur Medizin, sondern deren logische Weiterentwicklung. Denn Medizin sei immer auch Organisation: von Wissen, Ressourcen, Zeit. 

Was beide Unternehmerinnen gemeinsam haben, ist ihr Blick aufs Ganze: Sie behandeln keine Symptome, sondern systemische Probleme. Dermanostic schließt Versorgungslücken in der Fläche, Raya Diagnostics brachliegendes Fachwissen. Beide schaffen Arbeitsbedingungen, die Arzt*innen wieder Zeit für das Wesentliche geben: Medizin. Und beide fordern, dass das Land, das sich so gern als Medizinnation bezeichnet, endlich die digitale Infrastruktur liefert, die das ermöglicht. „Wir müssen die Digitalisierung massiv vorantreiben in Deutschland“, sagt Sommer. „Es ist absurd, dass Kliniken ihre Bandbreite erst aufstocken müssen, bevor sie unsere Plattform nutzen können.“ Alice Martin und Nora Sommer stehen für eine neue Generation von Arztinnen, die Medizin als lebendiges System begreifen, das sich verändern muss. Sie bringen Fachwissen, Unternehmergeist und gesellschaftliches Bewusstsein zusammen. Ihr Erfolg zeigt: Wenn Arztinnen zu Unternehmerinnen werden, dann nicht, um das System zu umgehen, sondern um es funktionsfähig zu machen.

Fotos © Patrycia Lukas / Nicole Kube HERZ HASE LICHT Fotografie

Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN 02/25 veröffentlicht.